interview21. August 2026Bochum

Jan Kath and the new Generation

Jan Kath hat Teppiche in New Yorker Penthäuser gebracht, arabische Königshäuser ausgestattet, das Bild des orientalischen Teppichs neu definiert. Alles aus einem Loft in Bochum. Jetzt ist die nächste Generation da. Wir treffen ihn und seinen Sohn Sanchir für ein Gespräch über Übergabe, Beharrlichkeit und die Frage, was von einem Unternehmen bleibt, wenn man anfängt, es loszulassen.

Text · Heimatdesign-Redaktion6 min

Jan Kath and the new Generation · Hero

Marc Röbbecke: Jan, wir haben über die Jahre viel miteinander gesprochen. Über deine Arbeit, über das Ruhrgebiet, über das, was Teppiche bedeuten können. Aber heute möchte ich über etwas anderes sprechen: über die Übergabe. Deine Söhne und deine Nichte sind jetzt Teil des Unternehmens. Wie fühlt sich das an? Jan Kath: Das ist eine Frage, auf die ich keine einfache Antwort habe. Und ich glaube, das ist eigentlich das Ehrlichste, was ich sagen kann. Als ich angefangen habe, war ich allein. Ich hatte eine Idee, einen Raum in Bochum und keine Ahnung, ob das irgendwas wird. Heute haben wir Standorte auf sechs Kontinenten, 1.500 Menschen, die für uns knüpfen, und eine nächste Generation, die mit völlig anderen Augen auf das schaut, was wir aufgebaut haben. Er lehnt sich zurück, lächelt kurz. Das ist manchmal wunderschön. Und manchmal auch herausfordernd. Weil die Frage, die meine Söhne stellen — »Warum machst du das eigentlich so?« — die bringt mich dazu, Dinge zu hinterfragen, die ich seit Jahren als selbstverständlich betrachte.

Wie konkret läuft das ab? Wer entscheidet was? Wir haben keine strikte Hierarchie eingeführt, und das war eine bewusste Entscheidung. Sanchir hat einen anderen Hintergrund als ich, einen anderen kulturellen Blick — seine Mutter ist Japanerin, er ist zwischen zwei Welten groß geworden. Das bringt eine Sensibilität mit, die ich ehrlich gesagt nicht habe. Er sieht in Mustern und Farbkombinationen Dinge, die ich nach zwanzig Jahren vielleicht nicht mehr wahrnehme, weil sie für mich normal sind. Meine Nichte hingegen bringt etwas völlig anderes mit: Sie denkt unternehmerisch auf eine Art, die mich früher manchmal genervt hätte, weil ich einfach machen wollte. Heute schätze ich das sehr. Sie stellt Fragen, die ich nie gestellt hätte — über Struktur, über Prozesse, über Zukunft.

Gibt es Momente, wo ihr euch wirklich uneinig seid? Natürlich. Die gibt es. Über Kollektionen, über Richtungen, über Preisgestaltung. Aber ich habe gelernt, dass das gut ist. Wenn ich immer Recht behalte, dann stagniert das Unternehmen. Ein Unternehmen lebt davon, dass neue Perspektiven reingebracht werden. Und wenn die eigenen Kinder diese Perspektiven mitbringen, dann ist das — ich würde sagen — das Schönste, was einem Unternehmer passieren kann. »Wenn ich immer Recht behalte, stagniert das Unternehmen. Neue Perspektiven sind der einzige Weg nach vorne.«

Verändert sich der Stil? Merkt man den Generationswechsel auch im Produkt? Das ist eine sehr gute Frage. Ich würde sagen: Ja, aber subtil. Was sich ändert, ist nicht das Wesen der Teppiche — das bleibt. Handwerk, Qualität, die Verbindung von Tradition und Moderne. Was sich ändert, ist die Art, wie wir über neue Kollektion denken. Früher war das sehr intuitiv, sehr bauchgesteuert. Ich hatte ein Bild im Kopf und wollte es sehen. Heute diskutieren wir mehr. Was bedeutet diese Kollektion für wen? Wen sprechen wir damit an? Das sind Fragen, die Sanchir und meine Nichte stellen. Und ich muss zugeben — am Anfang habe ich das als Bremse wahrgenommen. Heute sehe ich, dass es das Produkt besser macht.

Dein Studio ist in Bochum. Mitten im Ruhrgebiet. Ein Loft mit Stahlträgern und Hebekränen. Ist das Kulisse — oder steckt da mehr dahinter? Viel mehr. Das Ruhrgebiet hat mich gemacht. Das klingt vielleicht pathetisch, aber ich meine das sehr konkret. Diese Gegend hat eine Direktheit, eine Rauheit, eine Materialehrlichkeit, die ich nirgendwo sonst so gespürt habe. Wenn ich als Kind durch die Industriegebiete gelaufen bin, dann habe ich Dinge gesehen, die mich bis heute prägen: Strukturen, Texturen, Patina. Das ist in meiner Arbeit. Ein Teppich aus meinem Studio trägt das Ruhrgebiet in sich, auch wenn er am Ende in einem Penthouse in Manhattan liegt. Das klingt widersprüchlich, aber es ist das, was ich meine, wenn ich sage: Herkunft ist keine Einschränkung. Herkunft ist die Sprache, in der man spricht.

Spürt die nächste Generation das auch noch? Oder ist Bochum für Sanchir und die anderen eher ein Standort als eine Prägung? Das ist eine Frage, die mich selbst beschäftigt. Ehrlich gesagt. Sanchir ist zwar in Bochum aufgewachsen, aber er hat auch viel Zeit woanders verbracht. Er kennt Tokio, er kennt New York, er kennt Marrakesch. Die Industriekultur des Ruhrgebiets ist für ihn nicht die einzige Sprache, die er spricht.

Aber ich glaube, das ist auch gut so. Er muss nicht dasselbe fühlen wie ich. Was er fühlen muss — und ich glaube, das tut er — ist, dass dieser Ort etwas Besonderes ist. Dass etwas Weltbewegendes aus einem Ort entsteht, den viele nicht auf dem Zettel haben. Das ist vielleicht die Lektion des Ruhrgebiets: Du musst nicht in Mailand oder New York sitzen, um weltklasse zu sein. »Herkunft ist keine Einschränkung. Herkunft ist die Sprache, in der man spricht.«

Heimatdesign hat das Ruhrgebiet über viele Jahre begleitet — wir haben ja auch mehrfach über euch berichtet. Hat sich verändert, wie das Ruhrgebiet sich selbst wahrnimmt? Ja, definitiv. Als ich anfing, war das Ruhrgebiet noch sehr mit seiner industriellen Vergangenheit beschäftigt. Es gab diesen Schmerz des Strukturwandels, diese Frage: Was sind wir jetzt, wenn wir keine Stahl- und Kohleregion mehr sind? Heute sehe ich viel mehr Selbstbewusstsein. Die Kulturhauptstadt hat etwas ausgelöst, was noch nachwirkt. Die Zollverein, die Folkwang Universität, die Museen — das ist eine Kulturlandschaft, die sich international sehen lassen kann. Und die Kreativwirtschaft ist selbstbewusster geworden. Wir entschuldigen uns nicht mehr dafür, dass wir aus Bochum oder Dortmund kommen. Das ist ein riesiger Fortschritt.

Handwerk in der Skalierung

1.500 Knüpferinnen und Knüpfer weltweit. Das ist keine kleine Operation mehr. Wie hält man Handwerk aufrecht, wenn ein Unternehmen diese Größe erreicht? Das ist die Frage, die mich seit Jahren am meisten beschäftigt. Und ich werde sie dir ehrlich beantworten: Es ist schwer. Es ist jeden Tag schwer. Weil Handwerk von Nähe lebt. Von der Beziehung zwischen einem Menschen und dem Material, das er bearbeitet. Wenn du 1.500 Menschen hast, die in Nepal, in Marokko, in Afghanistan knüpfen, dann kannst du diese Nähe nicht einfach per E-Mail herstellen. Was wir stattdessen tun: Wir investieren massiv in Beziehungen. Unsere Leute fahren regelmäßig in die Manufakturen. Nicht um zu kontrollieren, sondern um zu verstehen. Um zu fragen: Was beschäftigt euch gerade? Was habt ihr gelernt? Was funktioniert nicht? Das ist zeitaufwändig und teuer, aber es ist das Einzige, was wirklich funktioniert.

Gibt es einen Moment, wo du merkst, dass die Qualität kippt? Dass die Skalierung die Handschrift bedroht? Ja, den gibt es. Und er ist sehr subtil. Ich merke es nicht daran, dass ein Teppich plötzlich schlecht ist. Ich merke es daran, dass er gut ist — aber nicht mehr lebendig. Das klingt esoterisch, aber ich meine es sehr konkret: Ein Teppich, der mit echter Hingabe geknüpft wurde, hat etwas, das man spürt. Eine Unregelmäßigkeit, eine Lebendigkeit, die bei perfekt standardisierter Produktion verloren geht. Deshalb ist Standardisierung für uns immer das Gegenteil von Qualität. Wir wollen keine perfekte Reproduktion. Wir wollen Originalwerke.

»Ein Teppich, der mit echter Hingabe geknüpft wurde, hat etwas, das man spürt. Keine Reproduktion kann das ersetzen.«"

Hat die nächste Generation dazu eine andere Haltung? Interessante Frage. Ich glaube, sie haben dieselbe Haltung zur Qualität, aber einen anderen Weg dorthin. Sanchir zum Beispiel denkt viel über Dokumentation nach — wie man das Wissen der Knüpferinnen und Knüpfer festhält, überträgt, bewahrt. Das ist ein Gedanke, den ich früher nie hatte. Ich war immer im Jetzt. Er denkt auch an übermorgen. Das finde ich faszinierend. Und ein bisschen erschreckend, weil es mir zeigt, wie wenig ich selbst in dieser Richtung gedacht habe.